Frisch gewagt ist fast gewonnen: Abenteuer virtueller Ortsverein

Man könnte es für eine Idee der Piraten halten, und für eine neue Idee: Parteiarbeit im Netz. Jede Parteigliederung bekommt zusätzlich zur vorhandenen Struktur einen virtuellen Versammlungsraum, dort wird diskutiert, werden Ideen entwickelt, Beschlüsse gefasst. Ganz genau so, als würde man sich in einem Raum gegenüber sitzen. Das ist der Vorschlag von Olaf Scholz für den Landesparteitag der SPD am morgigen Samstag. Es leuchtet ein, dass das digitale Parteiarbeit ungeheuer praktisch ist. Und viele hoffen, dass sie die SPD attraktiver macht. Ist diese Hoffnung berechtigt?

Die Idee eines virtuellen Ortsvereins ist tatsächlich bald 20 Jahre alt. Zu einer Zeit, als ich noch kein Mobiltelefon besaß und Helmut Kohl Kanzler war, 1995, wurde ich Mitglied und wenig später Vorsitzende des Virtuellen Ortsvereins der SPD (VOV). Mitglieder des VOV halfen dem Parteivorstand bei der Erstellung des ersten Internetauftritts, sie übernahmen die erste Online-Berichterstattung von Parteitagen. Diskutiert und gewählt wurde über Mailinglisten.

Es stellte sich sehr bald heraus, dass das Internet eben nicht nur Medium, sondern auch liebstes Thema des VOV war. Es ging um Urheberrecht und Kopierschutz, um Überwachung, die Verfolgung von Straftätern und Datenschutz, um Informationsfreiheit, Online-Wahlen, direkte Demokratie und um Sicherheitsrisiken durch unüberlegte Nutzung der Technik, wie zum Beispiel Spam und Viren.

Teilweise wurden über die Listen auch Dinge diskutiert, die mit dem Internet nichts zu tun haben. Aber diese Diskussionen hatten stets weniger Interessenten und kamen seltener zu Ergebnissen wie konkreten Beschlüssen und Pressemitteilungen, als die netzpolitischen Initiativen. Es gab darüber hinaus auch wenig Geduld im Umgang miteinander, was die unterschiedlichen Interessensphären der Mitglieder betraf. Die „Technik-Nerds“ gaben den unbedarften Neumitgliedern ohne großes technisches Vorwissen ordentlich Saures, wenn diese die verpönten html-Mails verschickten anstatt das Textformat der reinen Lehre zu verwenden. Diskussionen über soziale Themen wurden von ihnen als „langweiliges Gelaber“ abgetan, was von der anderen Seite den nicht ganz unberechtigten Vorwurf einbrachte, die Leute verhielten sich elitär und bedienten sich einer kryptischen Sprache.

Überhaupt: Konfliktverhalten via E-Mail – ein Thema für Diplomarbeiten. Was es genau ist, das bei manchen Menschen offenbar jede Hemmung vor Kraftausdrücken und Verletzendem außer Kraft setzt, sobald man sich via Bildschirm und Tastatur austauscht anstatt von Angesicht zu Angesicht – ich wüsste es gern. Witziger Weise sind dieselben, meist männlichen Mitglieder, die eben noch als verbale Berserker die Mailinglisten aufgemischt haben, oft ganz umgänglich wenn man sie beim Bier trifft (Club Mate gab es damals auch noch nicht).

An mich als Vorsitzende wurde oft die Bitte herangetragen, zu moderieren. Mir stand neben der Warnung nur das ganz scharfe Schwert zur Verfügung, den Übeltäter eine Zeit lang das Recht zu entziehen, Mails auf unsere Listen zu schicken. Aber bis wir diese Möglichkeit, gelbe und rote Karten zu verteilen in unserer Satzung verankert hatten, wurden viele Kilobyte anstrengender Diskussionen versendet, und so manches Neumitglied wandte sich mit Grausen ab.

Ich möchte die Delegierten des Hamburger Parteitags ermutigen, das Experiment erneut zu wagen. Es hat damals Leute zur SPD gebracht, die sonst nicht den Weg zu ihr gefunden hätten und wird dies sicher heute wieder tun.

Aber ich möchte Euch einige Tipps mitgeben. Gebt Euren virtuellen Ortsvereinen eine durchsetzungsfähige Moderation mit, damit das Diskussionsklima für alle angenehm bleibt. Erlaubt eine Vielfalt an Themen und Interessen und macht es zugleich möglich, dass die Mitglieder Diskussionen, die sie nicht interessieren auch ignorieren können. Macht Euch Gedanken über eine möglichst flexible und ausbaufähige Technik, mit der alle möglichen Informationskanäle und Medien zusammengefasst werden: Blogs und Termine, Kommentare und Bilder, Tweets und andere Social Media Inhalte.

Die wichtigste Schnittstelle ist aber nicht die zwischen unterschiedlichen digitalen Medien, sondern die zwischen den virtuellen und den normalen Parteigliederungen. Der erste virtuelle Ortsverein ist genau daran letztlich gescheitert: Die Mitglieder hatten das Gefühl, dass ihre Arbeit nicht in der Partei ankam. Wenn die virtuellen Gliederungen bloß unverbindlich diskutieren dürfen, und ohne Einfluß auf Entscheidungen bleiben, dann wird sich sehr schnell Frust breit machen.

Ich habe unsere Domain www.vov.de dem Parteivorstand der SPD übertragen in der Hoffnung, dass bald ein neues Projekt auf dieser Domain entsteht. Frisch voran, Hamburg! Ich würde mich wirklich sehr freuen.

2 thoughts on “Frisch gewagt ist fast gewonnen: Abenteuer virtueller Ortsverein

  1. Pingback: Weder neu noch von den Piraten, aber trotzdem gut | Maritta Strasser

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